Stefanie Bürkle
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Die Sichtbarkeit des Städtischen von Knut Ebeling (Auszug aus dem Katalog Home:Sweet:City)
Man betrachte beispielsweise die Arbeit

Modell einer Ausstellung von 1994: große, unterteilte Leinwände, deren oberer Teil Zeichnungen des damals noch unbebauten Geländes des Potsdamer Platzes zeigt – also jenes No-Man’s-Land, das nach Wim Wenders von den Kultouristen und Bildungsbürgern dieses Globus überrannt wurde. Vom »Potsdamer Platz« heißt es denn auch fett gedruckt im Katalog der Ausstellung: »Ein Noch-Nicht-Zentrum als Noch-Immer-Niemandsland, durch das scharfsichtige Verkehrsplaner vom Hubschrauber aus mit künstlerischer Absicht Straßenmuster gezogen haben.« Immerhin darf der Hubschrauber 1994 in Berlin noch als Träger einer künstlerischen Intention auftreten – in Mike Davis’ kurz davor geschriebenem Buch City of Quartz ist der Hubschrauber bereits Überwachungsmedium geworden. Das »Bild der Stadt aus der Luft [verwandelt sich] in ein riesiges Polizeiraster. All diese Überwachung und Aufrasterung aus der Luft, endloses Datensammeln der Polizei und die Zentralisierung der Kommunikation bedeuten eine unsichtbare "Hausmannisierung‹ von Los Angeles."

Der urbanistisch geschulte Blick sieht von oben nur Hausmannisierungen und Betonblockmauern, Sicherheitszäune und Videoüberwachungen. Bürkle wirft jedoch einen künstlerischen und einen kunsthistorisch geschulten Blick auf den Potsdamer Platz. Sie kommentiert ihn durch eine Fibonacci-Reihe, jene Zahlenreihe, die den goldenen Schnitt im abendländischen Gemälde festschrieb. Bei Bürkle erscheint im goldenen Schnitt jedoch kein Horizont, sondern eine Grenze, die den oberen Teil der Malereien mit dem Panorama vom Potsdamer Platz vom unteren trennt. Ergänzt und gewissermaßen ›begründet‹ wird das Unbebaute durch etwas Unbemaltes: Die untere Hälfte der Bilder besteht aus roher Leinwand alter Kulissen aus einem der Theater der Stadt, die den Bau eines neuen Zentrums am Potsdamer Platz plötzlich als Theater und Bühne demaskieren. Das sind die beiden Grundelemente des Werkes von Stefanie Bürkle, die Stadt und ihr Theater, das Bild und seine Bühne, das Sichtbare und sein Rahmen. Denn die Stadt ist nicht nur eine ›Bühne‹, auf der ständig etwas Neues gespielt wird; die Bühne selbst verändert sich permanent und macht so andauernd neue Aufführungen im Großstadttheater möglich. Diese verändernden Inszenierungen sind Bürkles Thema, und ihre Arbeit hat einen scharfen Blick auf die Wandlungen und Mutationen der Bühnen, Dispositive und Gestelle des Städtischen.

Beispielsweise in dem Gemälde Gelbe Stadt I von 1993: Es zeigt den gigantischen Aushub der ehemaligen Friedrichsstadt-Passagen, in deren Kellergeschossen nun gelbe Bagger das nächste Bauvorhaben vorbereiten. Auch dieses Bild ist von einem goldenen Schnitt unterteilt, jedoch verzichtet Bürkle hier auf die Kommentierung des eigenen Vorgehens in Form von Fibonacci-Reihen. Stattdessen teilt der Schnitt hier Stadtoberfläche und -untergrund, wenn auf der Horizontlinie die Unterscheidung zwischen Häusern und Kellergeschossen getroffen wird. Die Horizontlinie trennt also nicht mehr Himmel und Erde, sondern Erdoberfläche und -untergrund. Seit der Renaissance war der größte Teil der Bildfläche im abendländischen Gemälde der Erde vorbehalten; bei Bürkle wird er für das unterirdische Geschehen reserviert. Ihr Blick bohrt sich ostentativ in die Tiefe, als sei er selbst Teil der urbanen Grabungs- und Umwälzungsvorgänge: Von der Speerspitze der Avantgarde zur Bohrerspitze der Berliner Republik, das ist der Weg, den die Kunst in diesem Werk zurücklegt.

Der Pinsel wird aber auch zum archäologischen Aufzeichnungsinstrument, wenn Bürkle systematisch Verborgenes ans Licht holt: Die Serie Beirut-Berlin – Ein Vergleich zweier Städte nach der Teilung von 1996 zeigt Unterirdisches neben Oberirdischem, Ruinen neben Neubauten, Bagger in Gruben, aufgebrochene Erdoberflächen und in der Tiefe versackende Architekturen. Bürkle zeigt martialische Metropolen, die in ihrer eigenen Tiefe zu versanden drohen; Städte, die sich aus ihrer eigenen Tiefe abstoßen, um sich ihrer selbst zu versichern – oder um ihre Identität komplett zu wechseln. Denn Versichern und Versanden trennt nicht viel; und so entdeckt die Künstlerin im Untergrund der zwei Städte, dass sie in ihrem verwüsteten Sand eine Identität haben – und dass diese zwei Identitäten archäologisch identisch sind: Die aufgebrochene Berliner Erde sieht aus wie die urbanen Wunden Beiruts. Und jede der Beiruter Ruinen, die immer auch Ruinen und Gräber der Moderne sind, könnte auch ein Berliner Skelett sein. So schweift der Blick von Ruine zu Ruine, von Baustelle zu Baustelle und von einem offenen Großstadtgrab zum anderen. Es ist dieser schweifende und irgendwie auch erhabene Blick über zeitgenössische Ruinen und die Ruinen des Zeitgenössischen, der von Bürkles Gemälden nachvollzogen wird. Am Ende wird er sogar durch die Entscheidung monumentalisiert, die Bewegung der zwei Städte in Öl und nicht fotografisch zu bannen: durchaus eine Monumentalisierung des Verschwindenden, ein Monument des Ephemeneren und ein ephemeres Monument.



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