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Die Sichtbarkeit des Städtischen von Knut Ebeling (Auszug aus dem Katalog Home:Sweet:City)
Stefanie Bürkles Archäologie der Bilder der Geschichte

Die Stadt, so stabil sie scheint, verändert sich ständig. Und mit ihr wandeln sich die Bilder, die wir von ihr besitzen, je nachdem ob man sie als »Kosmos«, als »Organismus« oder als »Bühne« beschreibt. Sobald man an das Phänomen Stadt denkt, purzeln die Bilder und Vorstellungen, die Rhetoriken und die Metaphern durcheinander; so viele Städte es gibt, so viele Bilder von ihrer Unwirklichkeit haben wir produziert – allein die Metropolis Berlin füllt Bibliotheken ohne Bleiberecht. Und mit jeder neuen Stadt entsteht ihre eigenes Wissen, ihre eigene Theorie und Philosophie, die Städte nach sich ziehen wie Suburbias und Speckgürtel. Tatsächlich überschneiden, verkreuzen und verknoten sich in Städten fast alle Forschungszweige, schon allein deshalb, weil diese selbst in Städten angesiedelt sind und durch diese ihre städtische Ansiedlung Schübe, Stöße oder Stopps erfahren. Dabei ist der Moment, an dem eine Stadt in Wissen umschlägt und zum Objekt einer Erforschung wird,  selbst ein Symptom für den unaufhörlichen urbanen und epistemischen Wandel, den die Stadt hervorbringt und der sich an ihr ablesen lässt.

Die Doppelfunktion der Stadt als Produzent und als Bild des Wissens hat gewiss zur »Unwirklichkeit der Städte«  beigetragen, die von Alexander Mitscherlich  1963 noch als Unwirtlichkeit beklagt werden konnte. Doch diese Unwirklichkeit ist nicht nur ein epistemisches oder literarisches Phänomen. Zunächst ist sie ein visuelles Zeichen, eine Spur an der sichtbaren Oberfläche der Städte, das man lesen, entziffern und beschreiben muss wie Abdrücke oder Fährten. Mit dieser Beschreibung sind die Wissenschaften augenscheinlich überfordert; Städte sprengen jene Begrenzung, die das Wissen braucht, um sich zu entfalten. Aus diesem Grund haben sich an den Grenzen der Wissenschaften, aber im Zentrum der Städte, bestimmte theoretische und künstlerische Beschreibungsformen angesiedelt, die das Städtische visualisieren und das Wissen überschreiten. Durch Baudelaires Moderne spazieren heute die Theoretiker in kleinen Gruppen, die beständig Städte beschauen und ihre Oberflächen abtasten; allein auf den Spuren des Baudelaire-Lesers Walter Benjamin spaziert eine ganze theoretische Moderne, die die Frage stellt, »wie weit man in geschichtsphilosophischen Zusammenhängen ›konkret‹ sein kann« .

Konkrete Stadt(be)schreibungen also an allen Orten: Mit Karl Schlögel spaziert man heute durch osteuropäische Brachen und mit Mike Davis steigen wir in die Helicopter über L.A. ein, mit Michel de Certeau lernen wir die Stadt als Praxis zu verstehen und Georges Perec, der charmanteste Stadtschreiber seiner Generation, durchmisst die Stadt als Gebrauchsanweisung von seinem Bett in Paris bis zum Weltraum.  Die ganze flanierende Moderne, von Baudelaire bis Davis und von Georg Simmel bis zu Paul Virilio, lässt sich durch eine einzige Operation stoppen: indem man ihr ein Bild vorhält. Das Bild der Stadt, das sie alle zu beschreiben versuchen, weiß mehr als die schriftlichen Avancen von Spaziergängern. Es trägt ein Wissen, an dem jeder Theoretiker nur verzweifeln kann, weil es jede epistemische Verästelung unterschreitet. Die Stadt als Sichtbarkeit und die Sichtbarkeit der Stadt lassen sich am Ende nur abbilden und »blickwispern«, wie Benjamin von den glasgedeckten Pariser Passagen sagte. Wahrscheinlich aus diesem Grund ergänzte er sein textfixiertes Passagen-Werk durch einen (leider verschollenen) Bildatlas, von dem nur noch einige Blätter erhalten sind.  Was sagt das Bild von der Stadt, was ihr Wissen und ihre Bibliotheken verschweigen? Welche Sichtbarkeit verleiht die Bildlichkeit dem Urbanen, die in ihrer Sagbarkeit nicht enthalten ist?

Zur Antwort auf diese Fragen werden konventionell entweder Wissenschaften oder Kunstwerke herangezogen. Man nimmt an, dass die Erkenntniswege von Kunst und Wissenschaft zwei verschiedene Dinge seien. Mittlerweile gibt es jedoch eine künstlerische Forschung, die beispielsweise die Sichtbarkeit der Städte visuell abtastet und erforscht. Während die Wissenschaften eine gute Moderne lang von den Künsten profitierten, ist nicht einzusehen, weshalb die Künste nicht auch von den Wissenschaften lernen sollten. Stefanie Bürkle ist eine jener forschenden Künstlerinnen, die sich am Rande des Wissens, aber im Herzen der großen Städte bewegen. Sie betreibt eine »Archäologie der Bilder« , die jedoch nicht wie in Bachelards Poetik des Raums die Bilder des Raums betrifft, sondern die Bilder der Stadt. Stefanie Bürkle ringt der Stadt ein Bild und eine Sichtbarkeit ab, die jede Sagbarkeit souverän unterbietet.


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