Stefanie Bürkle
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Stadt, Land, Fluss von Jenny Gaschke
Leere, Bild und Ferne

Die thematisierte Leere, die in den Berliner Bildern erscheint, nähert sich den Ansichten aus dem ebenfalls von Kriegsvergangenheit und Neubeginn geprägten Beirut an. Die Künstlerin hat die Stadt seit Mitte der 90er Jahre mehrfach besucht.

Das Bild einer Tunnelausfahrt, die sich neu, glatt und vielversprechend aus dem Geröll und Chaos einer Baustelle in eleganter Kurve gegen den oberen Bildrand windet, lässt sich mit den Fotografien und der  Malerei von Berliner Baustellen unmittelbar vergleichen. Dabei wird hier dem dynamischen Aufbruch der neuen Straße eine ästhetische Komponente verliehen. Hier gleicht sie dem Forscher oder Künstler vor 200 Jahren, der ebenfalls durch den Nahen Osten reiste und in seinen Bildern teilweise erstmals anhand von architektonischen Monumenten seinem Publikum zuhause die Länder des Osmanischen Reiches vor dem geistigen Auge entstehen ließ.

Um 1800 war unter Künstlern, die ihre Reiseeindrücke in Bildern festhielten, die Suche nach dem sogenannten „Pittoresken“ in Mode. Das Pittoreske einer Landschaft oder Stadtansicht, das war in den Augen zeitgenössischer Kunsttheoretiker das Ungewöhnliche, Unregelmäßige, und durchaus auch das Ruinöse. Gleichzeitig sollte es das Bildwürdige, also das kompositorisch Interessante sein. Und vor allem sollte sein Anblick im Betrachter Assoziationen beispielsweise historischer oder literarischer Natur auslösen. Stefanie Bürkle aktualisiert in ihren Blicken auf die Welt dieses Prinzip des Pittoresken.
Wie im Falle der Straßenbaustelle, wählt Bürkle ihre neuen Sehenswürdigkeiten in der sich in einem fundamentalen Umbruch befindlichen Stadt Beirut aus und gibt ihnen mit dem Mittel ihrer Kamera eine ästhetisch begründete Zeitlosigkeit. Auch die libanesischen Ortsansichten erlauben eine assoziative Analyse der Gegenwart und letztlich ein tieferes Verständnis des Dargestellten.

Der Vergleich zwischen Berlin und Beirut ermöglicht es Bürkle einen Schritt weiter zu gehen und im Fremden durch den formalen und inhaltlichen Wiedererkennungseffekt das Eigene zu suchen und zu verstehen. Hier das Thema einer Stadt mit ihren Hoffnungen und Problemen am Rande des Neubeginns, aber auch der architektonische Gestaltungswille eines solchen Neubeginns in Beirut wie in Berlin.

In den Jahren 2001 und 2002 gelang es Stefanie Bürkle mit ihrer Arbeit zu chinesischen Themenpark, die Problematisierung des Blicks auf das Fremde noch stärker zuzuspitzen. Der Park „Window of the World“ liegt in Shenzhen in der Sonderwirtschaftszone Guangdong. Der Erlebnispark vereinigt Nachbauten architektonischer Monumente aus der ganzen Welt und aus allen Epochen in verkleinertem Maßstab. So ist beispielsweise der Kölner Dom in direkter Nachbarschaft zum Eiffelturm zu sehen. Der Themenpark ermöglicht es seinen (chinesischen) Besuchern, sich vor den Sehenswürdigkeiten der westlichen Welt fotografieren zu lassen, ohne selbst reisen zu müssen.

So versichern sich die einzelnen Besucher, aber auch die Stadtverwaltung als Ganzes der kulturellen Tradition der nichtasiatischen Welt – ja eignen sie sich gewissermaßen an, machen sie zum Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Dabei kommt es den Chinesen hier weder auf geographische, historische, maßstäbliche oder andere Verhältnisse der Vorbilder an. Wie ja alle Touristen in einer anderen Kultur generell durchaus Gegensätzliches unter dem Begriff der Sehenswürdigkeit zusammenführen. Dieser vereinheitlichende Blick auf das Ferne wird hier nun gesteigert, indem die europäische Künstlerin auf den chinesischen Blick auf die westliche Kultur eingeht und die eigentlich unmögliche Begegnung von Dom und Eifelturm in ihrem fotografischen Abbild kompositorisch legitimiert.

Das Moment der Konstruktion einer Kultur steht hier also ebenso zur Disposition wie Bürkle die Absurdität des Gegensatzes von echter, authentischer gegenüber falscher, konstruierter Realität aufdeckt, wenn sie die scheinbar geordnete Themenparkarchitektur mit ihren Buchsbaumhecken mit der Ansicht des schwäbischen Waldes und eines Zengartens vergleicht, deren „natürliche“ Wildheit auch Produkt einer kulturell gelenkten Gestaltung sind. Auch hier klingt die doppelbödige Absicherungsstrategie des Pittoresken durch, die in der Natur das zutiefst kulturelle, nämlich bildgerechte finden will.
Menschen in Stefanie Bürkles Bildwelten sind eine rare Erscheinung. Die Größenverhältnisse zwischen menschlichem Maß und Architektur sind immer vom Gegensatz geprägt, während die Baustellen den Menschen, selbst wenn er nicht im Bild ist, winzig klein erscheinen lassen, geraten in „Window of the World“ die Verhältnisse gänzlich durcheinander, da die Gebäude ja eigentlich viel zu klein sind, der Mensch sie sich aber durch die Perspektive seines Kameraobjektivs vergrößern könnte. Wenn Menschen dann tatsächlich im Bild auftauchen, dann thematisieren sie wie im Palast der Republik das Schauen selbst oder werden wie die beiden Freizeitkletterer in der künstlichen Kletterlandschaft des „Magic Mountain“ in ihrer Vereinzelung zu Gestalten mit geradezu romantischer Tiefe.

Und darum geht es der Künstlerin ja hinter allen – dem Finden und Zeigen von Bedeutung in der Welt mittels seiner Umsetzung im künstlerisch bedachten Bild.

Dr. Jenny Gaschke ist Curator of Prints and Drawings am National Maritime Museum and Royal Observatory, London. Zuvor war sie wissenschaftliche Volontärin an der Staatsgalerie Stuttgart. Jenny Gaschke studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Anglistik in Freiburg, Glasgow und Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind europäische Landschaftsmalerei und Reisekultur vom 17. bis 19. Jahrhundert.


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