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| Deutsch-Vietnamesische Freundschaft von Joana Breidenbach (Auszug) |
Vertragsarbeiter, Boat People und ihre Kinder
Für ein Verständnis der Migranten spielen die unterschiedlichen
sozio-ökonomischen Ausgangsbedingungen, neben den
Partizipationsmöglichkeiten, die ihnen die beiden deutschen Staaten
boten, eine wichtige Rolle. In ihren Migrationsbiographien lassen sich
grob die in der DDR angeheuerten Vertragsarbeiter von den als
Flüchtlinge nach Westdeutschland kommenden so genannten Boat People
sowie den Migranten, die erst nach Mauerfall kamen, (der zweiten
Generation) unterscheiden.
Ha und Huy Hong kamen - wie viele der heute in Ostteil Berlins lebenden
vietnamesischen Kleinunternehmer - in den 80er Jahren in die DDR.
Angeworben per Staatsvertrag, wurden die insgesamt 70.000 Vietnamesen
eingesetzt, um Engpässe in der Produktion zu überwinden. Eine
Integration jenseits von Solidaritätsadressen war unerwünscht. Ihr
Aufenthalt war auf 5 Jahre begrenzt, nach kurzen Einweisungen in
Sprache und Arbeitsplatz, pendelten sie zwischen Fabriken und
Wohnheimen, strikt nach Geschlechtern getrennt. Der Besuch von
Deutschen war hier verboten. Wurde eine Vietnamesin schwanger, blieb
ihr nur die Wahl zwischen Abschiebung und Abtreibung.
Ungeachtet dieser widrigen Lebensumstände- 12% ihres sozialistischen
Einheitslohns war für die Entwicklung des Vaterlands umgehend an
Vietnam abzutreten fanden viele Migranten Gefallen an ihrem deutschen
Leben. Oftmals hoch qualifizierte Fachkräfte Steuerprüferinnen,
Schneiderinnen, ja selbst promovierte Physiker und Mediziner flüchteten
vor der Armut und waren bereit selbst geringwertige Aushilfstätigkeiten
in der Produktion zu übernehmen. Bei ihrer Ankunft staunten sie über
ihren ersten Schnee und die „vielen schönen Hochhäuser“. Für
vietnamesische Verhältnisse verdienten sie gut. Da sie nicht Valuta
nach Hause schicken durften, sondern nur eine streng reglementierte
Anzahl von Waren wie Kühlschränke, Stereoanlagen und Mofas „Made in
GDR“, legten die meisten regelrechte Warenlager für ihre Rückkehr
beiseite. Nach und nach eroberten sie sich bereits damals kleine
Nischen jenseits ihres überwachten Lebensumfelds, gingen
Liebesbeziehungen ein, schleusten deutsche Bekannte an den Pförtnern
vorbei und schufen sich mit dem Nähen von Jeanshosen und – jacken einen
lukrativem Nebenverdienst.
Auch Ha und Huy lernten sich beim Jeansnähen im Wohnheim im sächsischen
Schwarzenberg kennen. Drei Tage nach dem Mauerfall fuhren sie nach
Westberlin und noch 17 Jahre danach strahlt Huy über das ganze Gesicht
bei der Erinnerung an diesen Moment, der auch sein Ticket in die
Freiheit war:
„Nach Überquerung der Jannowitzbrücke haben wir beide uns umarmt und
gesagt, dass wir wiedervereinigt wurden, dass wir jetzt vollkommen frei
sind. Wir haben auf der Brücke getanzt und sind dann zum Auto gerannt,
um weiter zu fahren. Wir sind einfach drauflos gefahren und wussten
eigentlich gar nicht wohin. Wir haben es überhaupt nicht verstanden,
warum die Leute von da drüben so nett zu uns waren. (…) Dieses Volk war
so gastfreundlich. Sie haben wirklich diese Wiedervereinigung gefeiert.
Das war etwas Wunderbares.“
Während die beiden schnell den Weg zur Westberliner Asylbehörde fanden,
kehrten zwei Drittel der Vertragsarbeiter mit einer Entschädigung über
3000 DM im Gepäck nach Vietnam zurück. Der Staatsvertrag wurde
aufgehoben, die meisten volkseigenen Betriebe geschlossen. Ohne
wirklich rechtlichen Status und ohne wirtschaftliche Perspektiven saßen
sie ganz allein da: ohne Gruppenleiter, Arbeit, Aufenthaltsgenehmigung,
Konto und Wohnung zudem nur geringen Deutschkenntnissen.
Bis zur Bleiberegelung, die 1997 die ehemaligen Vertragsarbeiter
ausländerrechtlich mit den westdeutschen Arbeitsmigranten
gleichstellte, mussten die im Lande verbliebenen Vietnamesen ihren
Unternehmergeist und wirtschaftlichen Spürsinn unter Beweis stellen.
Sie verkauften im Westen billig erworbene Kleidung auf den Ostmärkten,
bedienten die eigene ethnische Gemeinschaft und ostdeutsche Kunden mit
Lebensmitteln und Blumen oder machten Snackbars auf. So auch Ha und
Huy, die 1991 in Plauen den ersten einer Reise von asiatischen Imbissen
eröffneten. Die Nische war gut gewählt, fielen doch im Zuge des
Zusammenbruchs der DDR mit einmal über 6 Millionen Kantinenessen weg.
Kontakte zu Deutschen beschränken sich bei denjenigen, die keine
deutschen Ehepartner haben, meist auf die Kundschaft. Nun ist es
leicht, diese Beziehungen als rein kommerzielle Kontakte abzuwerten.
Wenn jedoch eine Vietnamesin fast schon liebevoll von ihrem Stammkunden
im Imbiss erzählt, einem Rechtsanwalt aus Lichtenberg, der ihre
gebratenen Nudeln so gerne mag, sollten wir dann nicht auch solche
„rein“ geschäftlichen Beziehungen als Integrationsleistungen
anerkennen? Gerade in Bezug auf die Integrationsmöglichkeiten unterscheiden sich
die Migrationsbiographien der in den späten 1970ern und frühen 1980ern
als so genannte Boat People nach Westdeutschland gekommenen,
südvietnamesischen Flüchtlinge stark von denen der Vertragsarbeiter in
der DDR. Nach dem Fall Saigons 1975 erfolgte ein Massenexodus, während
dessen eine halbe Millionen Flüchtlinge in zum Teil völlig untauglichen
Booten im Chinesischen Meer umherirrten. Zahlreiche von ihnen wurden
1979 von Rüdiger Neudeck und dem Frachter Cap Anamur aufgegriffen und
in einer einmaligen Sympathiewelle der westdeutschen Bevölkerung von
den einzelnen Bundesländern aufgenommen.
Weniger bekannt ist dabei, dass viele der „Boat People“ nicht
ausschließlich Kommunismusopfer, sondern dazu auch ethnische Chinesen
waren, die im Zuge des Vietnamesisch-Chinesischen Krieges (1979) vor
massiven Repressalien in Vietnam ins Ausland flüchteten.
So kam auch Dat Vuongs Familie in den 1980er Jahren nach Köln. Der
Vater, ein Fotograf, war nach dem Krieg in ein Umerziehungslager
gesteckt worden, auch Dat hatte 2 Jahre im Gefängnis verbracht. Nach
ihrer Entlassung reisten beide gemeinsam mit Dats kleiner Schwester der
schon früher nach Deutschland geflohenen Mutter nach. Der Vater fand
eine Anstellung als Koch. Dat wurde zweieinhalb Jahre im Vien Giac
Tempel in Hannover in die buddhistische Lehre eingeweiht, machte dann
sein Abitur nach und begann in Berlin ein Japanologiestudium, welches
er nach sechs Semestern zugunsten seines ersten Restaurants aufgab.
Heute sind die Kinder, so der Vater, „alle sehr gut integriert“.
Kein Wunder, wurden die ca. 30.000 deutschen Boat People doch sofort
als politische Flüchtlinge anerkannt, bekamen Wohnungen zugewiesen und
wurden mit Integrationsmaßnahmen wie Sprachkursen und
Ausbildungsprogrammen aktiv unterstützt. Anders als die ehemaligen
Vertragsarbeiter, die in der wirtschaftlichen Krisensituation Anfang
der 90er Jahre zur Selbstständigkeit regelrecht gezwungen wurden,
herrschte zur Zeit der Ankunft der Boat People in der BRD nahezu
Vollbeschäftigung und dementsprechend einfach konnten die Migranten in
festen Anstellungen unterkommen.
Das Verhältnis zwischen ehemaligen Vertragsarbeitern und Boat People in
Deutschland ist komplex. Beide Gruppen haben ihre Ursprungsmythen
sorgsam gepflegt und die Fronten zwischen Nord- und Südvietnamesen
zementiert. Im Westen sorgten insbesondere die vietnamesischen
Migrantenvereine für ein einheitliches Image der Boat People,
ungeachtet der Tatsache, dass viele Flüchtlinge aus Südvietnam gar
nicht in Nussschalen, sondern über offizielle Programme nach
Westdeutschland einreisten und sich auch unter den ehemaligen DDR
Vertragsarbeitern zahlreiche Südvietnamesen befinden. Aber auch die
Geschichte der Vertragsarbeiter wird von Interessenverbänden regelmäßig
verkürzt, sind doch viele der im Osten Deutschlands lebenden
Vietnamesen erst nach der Wende als Studenten oder Familienmitglieder
eingereist oder über Osteuropa illegal eingewandert.
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Joana Breidenbach studierte Ethnologie und Kunstgeschichte in München, Berkeley und London. Seit 1992 ist sie als Autorin und Journalistin tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den kulturellen Folgen der Globalisierung, Migration und Tourismus.
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